Sozialausgaben senken?
Warum wir vergessen haben, wofür der Sozialstaat eigentlich da ist
Die Debatte über die Finanzierung des Sozialstaats ist geprägt von einem bemerkenswerten Tunnelblick: Immer wieder wird gefordert, die sogenannten Lohnnebenkosten zu senken – zur Entlastung von Unternehmen, zur Förderung von Arbeitsplätzen, zur Sicherung des „Standorts Deutschland“.
Doch kaum jemand spricht darüber, wer den Sozialstaat finanziert und wer nicht. Noch weniger darüber, was passiert, wenn man ihn aushöhlt.
Dieser Beitrag stellt die Debatte vom Kopf auf die Füße und erinnert daran, dass soziale Sicherheit kein Kostenfaktor ist, sondern der Kitt einer demokratischen Gesellschaft.
Was sind eigentlich „Lohnnebenkosten“?
Der Begriff ist politisch aufgeladen, aber sachlich irreführend.
Es gibt in der Betriebswirtschaft keine „Nebenkosten“ der Arbeit. Es gibt nur Arbeitskosten.
Was gemeint ist, sind die Sozialversicherungsbeiträge, die Arbeitgeber zahlen: Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung sowie die gesetzliche Unfallversicherung. Sie fließen nicht an den Staat, sondern sichern Risiken ab, die sonst individuell getragen werden müssten.
Faktisch sind sie: kollektiv organisierte Lohnbestandteile mit Versicherungseffekt.
Wer Beiträge senkt, senkt nicht Bürokratie – sondern Sicherheit
Sozialversicherungen funktionieren nach dem Prinzip: Alle zahlen ein, alle sind geschützt. Wer Beiträge senkt, ohne gleichzeitig die Leistungen zu kürzen oder anderweitig zu finanzieren, erzeugt eine Lücke.
Diese kann auf drei Arten geschlossen werden:
- Selbstversicherung → teuer, oft lückenhaft → mehr Unsicherheit
- Höhere Bruttolöhne → unrealistisch, weil wirtschaftlich und politisch kaum durchsetzbar
- Wegfall des Schutzes → steigende soziale Risiken, individuelle Überforderung
Das Problem ist nicht die Existenz der Beiträge, sondern ihre einseitige Erhebung auf Arbeitseinkommen.
Warum Kapitalerträge bislang verschont bleiben – und warum das nicht haltbar ist
Die Frage, warum Kapitaleinkommen (z. B. Dividenden, Mieteinnahmen, Zinserträge) nicht zur Finanzierung der Sozialversicherungen herangezogen werden, beantwortet sich nicht durch ökonomische Notwendigkeit, sondern durch politische Machtverhältnisse.
Drei gängige Gegenargumente und warum sie nicht überzeugen:
1. „Man will doch nicht dem Kleinsparer ans Ersparte!“
- Niemand schlägt vor, Spareinlagen oder Altersvorsorgeprodukte zu belasten.
- Durch Freibeträge (z. B. 20.000 €/Jahr) ließen sich Bezieher kleiner Kapitalerträge vollständig schützen.
- Wer 500.000 € in Fonds hat und davon jährlich 25.000 € Dividenden erhält, ist nicht „Kleinsparer“, sondern Teil der oberen Vermögensschichten.
Dieses Argument schützt in Wirklichkeit die Interessen der Vermögenden, nicht der Durchschnittsbürger.
2. „Kapitaleinkünfte wurden doch schon versteuert – das wäre Doppelbesteuerung!“
- Versteuert wurde das Einkommen, aus dem gespart wurde.
- Nicht versteuert (oder sozialabgabenpflichtig) sind die laufenden Erträge daraus.
- Das ist in etwa so, als würde man fordern, Löhne dürften nicht besteuert werden, weil auch die Schulbildung bereits öffentlich finanziert wurde.
Es gibt keine ökonomische Regel, die verbietet, Einkünfte mehrfach zu belegen, sofern sie unterschiedliche Zwecke erfüllen (Steuer = Fiskus, Beiträge = Versicherungsgemeinschaft).
3. „Kapitaleinkommen sind zu volatil und schwer zu erfassen“
- Seit der Einführung der Abgeltungssteuer ist die Erfassung von Kapitaleinkünften technisch kein Problem mehr. Sie erfolgt zentral über Banken.
- Auch Mieteinnahmen und Unternehmensgewinne sind längst steuerlich dokumentiert.
- Die technische Infrastruktur zur Einbeziehung existiert bereits, man müsste sie nur nutzen.
Was fehlt, ist nicht die Möglichkeit, sondern der politische Wille.
Warum soziale Absicherung mehr ist als wirtschaftliche Effizienz
Die Frage ist also nicht, ob wir Sozialversicherungen brauchen, sondern wie wir sie gerecht finanzieren.
Denn der Sozialstaat leistet weit mehr als Risikoabsicherung:
- Er stabilisiert die Wirtschaft (z. B. durch Kurzarbeitergeld),
- Er stärkt die Kaufkraft, besonders in unteren Einkommensgruppen,
- Und vor allem: Er befriedet soziale Konflikte.
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen, Wut, Polarisierung und Abstiegsängste wachsen, ist soziale Sicherheit keine Wohltat, sondern Systemvoraussetzung.
Wer den Sozialstaat schwächt, sägt am Fundament der Demokratie
Soziale Befriedung ist keine Nebensache, sie ist die Grundlage dafür, dass Gesellschaft überhaupt funktioniert.
Ein funktionierender Sozialstaat erzeugt:
- Vertrauen,
- Teilhabe,
- Loyalität,
- Zukunftsperspektiven.
Ein geschwächter Sozialstaat erzeugt:
- Misstrauen,
- Unsicherheit,
- Radikalisierung,
- soziale Entkopplung.
Wenn man Kapitaleinkommen weiterhin verschont und Lohnabhängige überfordert, wird nicht nur die Finanzierung instabil, sondern das gesamte Gesellschaftsmodell.
Fazit: Wir brauchen eine neue Ehrlichkeit in der Debatte
Wer „Lohnnebenkosten senken“ sagt, ohne zu sagen, was er stattdessen kürzen will oder wen er belasten will, wirft mit politische Nebelkerzen.
- Sozialversicherungen sind keine Belastung, sondern Infrastruktur.
- Löhne dürfen nicht allein das Fundament der sozialen Sicherung sein.
- Kapitaleinkünfte müssen in die Finanzierungsbasis einbezogen werden. Alles andere ist ungerecht und kurzsichtig.
Und vor allem:
Soziale Sicherheit ist kein Standortnachteil. Sie ist die Grundlage unserer zivilisierten Gesellschaft.

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